Gütersloh/Kona, 14. Oktober 2019. Triathlon-Profi Tobias Drachler aus Köln ist bei seiner  ersten Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii nach 8:40:44 Stunden als 31. mit gemischten Gefühlen ins Ziel gekommen: „Das Radfahren war unterirdisch schlecht, der Rest in Ordnung und der Zieleinlauf trotzdem magisch!“ Im Interview spricht der 28-Jährige über sein Rennen, den Tiefpunkt auf der Radstrecke, seine Gefühle beim Zieleinlauf und Erschöpfung von Kopf und Körper.

Herr Drachler, Ihr erster Ironman auf Hawaii, 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Radfahren und zum Abschluss ein Marathon. Nun der Tag danach – wie geht es Kopf und Körper?

Es geht mir soweit gut, aber Kopf und Körper sind sehr müde. Körperlich spüre ich die normalen Marathon-Wehwechen, ein Zeh ist blau, aber keine größeren Schmerzen. Mental war es gerade auf dem Rad ein sehr langer Kampf: über 4:30 Stunden mit mir selber und gegen den Gedanken, das Rennen aufzugeben, den jeder Ironman kennt.

Fangen wir vorne an, wie lief das Schwimmen?

Mit dem Schwimmen bin ich zufrieden, auch wenn es schneller hätte gehen können. Aber Schwimmen ist immer auch Glückssache, welche Gruppe man  erwischt im  Anfangsgetümmel. Für den weiteren Rennverlauf wollte ich beim Schwimmen auch noch nicht all-out gehen, daher war die Zeit gut.

Beim Wechsel waren Sie in der ersten Verfolgergruppe, unter anderem mit dem späteren Drittplatzierten Sebastian Kienle. Wie ging es ab da weiter?

Das Radfahren war unterirdisch schlecht! Ich habe im Schnitt 20 bis 30 Watt weniger  getreten als meine Zielvorgabe – und dieses Ziel war eigentlich realistisch. Es hat an dem Tag auf dem Rad nicht sollen sein. Das anschließende Laufen war aus mentaler Sicht sehr stark. Nach einer Meile habe ich gedacht, irgendwann wirst du hier heute gehen und wenn du überhaupt das Ziel siehst, dann nach einem langen Wandertag. Somit war der Marathon in 3:02 Stunden am Ende ein großer Erfolg des Renntages und macht mich sehr stolz.

Was werden Sie als Highlight in Erinnerung behalten?

Das Ziel! Dazu gab es viele kleine Highlights zwischendrin, meine Eltern und meine Freundin an der Strecke zu sehen, den Support zu spüren, die vielen Zurufe von Altersklassenathleten, die mich erkannt haben. Die großen Highlights waren definitiv morgens vor dem  anonenstart an der Startlinie zu stehen und das Überqueren der Ziellinie.

Wie war das Gefühl beim Zieleinlauf auf dem Ali’i Drive?

Der Zieleinlauf auf dem Ali’i Drive war lang, richtig lang. Man kommt unten um die Kurve und dann liegen noch so 800 Meter vor einem – und die waren richtig lang, ich hätte mir das Ziel in dem Moment gerne ein bisschen früher gewünscht (lacht). Aber der Zieleinlauf war trotzdem geil, man wurde gefeiert, die Leute standen Spalier, das war so, wie ich es mir erträumt hatte. Definitiv ein magischer Moment.

Was nehmen Sie für das nächste Jahr an Erfahrungen mit?

Für das nächste Jahr nehme ich mit, dass eine konservative Renngestaltung auf jeden Fall die richtige Entscheidung war. Wenn ich auf dem Rad mit allen Mitteln aggressiv gefahren wäre, das hätte mich umgebracht. Ich bin konstant durchgekommen, gerade mein Lauf war sehr gleichmäßig. Das Rennen tat zwar weh, aber ich hatte es die meiste Zeit im Griff. Das nehme ich positiv mit. Für das nächste Jahr muss ich die Vorbereitung auf dem Rad verändern, das hat so nicht geklappt. Ansonsten war ich erstmal sehr zufrieden und würde nichts anders machen, die Anreise, die Unterkunft, das hat gepasst. Mit den Wetterbedingungen bin ich ebenfalls gut klargekommen – das macht Mut für das nächste Jahr!

Dieses Jahr gab es zum ersten Mal einen deutschen Doppelerfolg bei Männern und Frauen – kam gerade Anne Haugs Erfolg für Sie überraschend?

Annes Erfolg hat mich nicht sehr überrascht, mir war klar, dass sie um die vorderen Plätze mitlaufen würde. Dass Daniela Ryf doch so deutlich abgeschlagen ist, hätte wohl niemand gedacht, eigentlich hätte ich mit ihrer Titelverteidigung gerechnet und Anne auf Platz zwei. Aber Anne hat sich nicht verrückt machen lassen, hat ihr Rennen gemacht und war sicherlich von ihrem Trainer Dan Lorang auch top vorbereitet. Völlig verdient, ein super Rennen.

Jan Frodeno hat nicht nur seinen dritten Titel geholt, sondern auch noch den erst ein Jahr alten Streckenrekord geknackt – unschlagbar?

Bei Frodo war es keine große Überraschung, dass er gewinnt. Dass er in Streckenrekord gewinnt, ist natürlich sehr interessant, ich glaube er wollte diesen Rekord insgeheim unbedingt, nicht nur den Sieg. Die Leistung dann in dieser Manier so abzuliefern ist absolut  ewundernswert – eine Liga für sich. So eine Leistung wird man hier so schnell nicht wiedersehen.

Wie sehen Ihre nächsten Tage aus?

In den nächsten Tagen steht hier vor allem Aufräumen auf dem Programm, das Rad einpacken, das muss ich hier nicht mehr sehen (lacht). Ansonsten werde ich mich vom Rennen erholen und mit meiner Familie die Insel erkunden. In den rund vier Wochen nach meiner Rückkehr ist kein großes Training geplant, ein bisschen Laufen, sobald das wieder schmerzfrei geht, Schwimmen, Radfahren, alles in Maßen. Mal wieder Freunde treffen, Sport nach Lust und Laune machen, auch mal Tennis spielen oder Volleyball. All das, was man während der Saison aus Sicherheitsgründen nicht macht, bevor die neue Saison wieder losgeht.

Wie ist die Motivation für die nächste Saison?

Die Motivation ist definitiv groß, es nächstes Jahr besser zu machen – besonders auf dem Rad. Wenn alleine dieser Part besser wird, wenn ich die 20 bis 30 Watt mehr treten kann, bin ich mir sicher, dass ich mich nächstes Jahr wieder für Hawaii qualifizieren kann.

Vielen Dank für das Interview und erstmal eine erholsame Off-Season.

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