Gütersloh/Kona, 10. Oktober 2019. 3,86 Kilometer Schwimmen, 180,2 Kilometer Schwimmen und der abschließende Marathon über 42,2 Kilometer: Triathlon-Profi Tobias Drachler aus Köln steht vor seiner ersten Teilnahme an der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii. Nach seinem vierten Platz bei der diesjährigen Ironman-Europameisterschaft in Frankfurt ist sein eigener Anspruch mindestens ein Platz in den Top 15 beim härtesten Triathlon-Rennen der Welt gegen die besten Athleten der Szene. Im Interview spricht der 28-Jährige vor dem Start am Samstag um 18:25 Uhr deutscher Zeit über seine letzte Vorbereitungsphase vor Ort, seinen Plan für das Rennen und einen Sturz-Schreck eine Woche vor Rennstart.

Herr Drachler, Hawaii, der Sehnsuchtsort eines jeden Triathleten – wie fühlt es sich an, das erste Mal vor Ort zu sein?

Einzigartig! Ich war noch nie in einer vergleichbaren, tropischen Klimazone und bin sehr beeindruckt von dem traumhaft schönen Meer. Das Wasser ist warm und glasklar mit einer Tiervielfalt von Fischen über Delfine bis Schildkröten. Zum Radfahren und Laufen sind die Bedingungen nicht so einfach, beim Radfahren wehen natürlich die berühmten Seitenwinde, beim Laufen fehlt ein bisschen die Abwechslung. Kona ist schon voll auf den Ironman eingestimmt, überall laufen bekannte Gesichter aus der Szene rum.

Wie läuft diese letzte Phase Ihrer Vorbereitung ab?

Wir sind rund zwei Wochen vor dem Wettkampf nach Hawaii geflogen, um uns zu akklimatisieren. Ich wohne hier in einer Triathlon-WG mit meiner Freundin und zwei Trainingskollegen und Altersklassen-Athleten aus Köln. Derzeit stehe ich üblicherweise so zwischen 5 und 6 Uhr auf, frühstücke und lege dann meine erste Trainingseinheit ein. Nach einem zweiten Frühstück folgt dann mittags die zweite Einheit und gegebenenfalls am Nachmittag noch eine Dritte. Grundsätzlich geht es jetzt aber nur noch um Form halten. In der ersten Woche haben wir noch primär am Vormittag trainiert, um uns an die Bedingungen zu gewöhnen, seit ein paar Tagen legen wir die Trainingseinheiten vermehrt genau in die Mittagshitze, um die Wettkampfbedingungen zu simulieren.

Form halten heißt ja auch bloß nicht verletzten – was ja aber auf dem Rad fast schief gegangen wäre?

Das stimmt, am Wochenende bin ich in Kona vor dem Lava Java, einem bekannten Triathlon-Treffpunkt, von einem Auto mitgenommen worden. Zum Glück war ich zu diesem Zeitpunkt nicht schnell unterwegs und bin mehr am Auto zu Boden geglitten. Ein paar Schürfwunden am Bein und ein paar Kratzer am Lenker – aber zum Glück weder bei mir noch bei meinem Zeitfahrrad irgendwelche Brüche. Der Schreck war deutlich größer als am Ende die Auswirkungen. Insgesamt ist die Sturzgefahr hier beim Radfahren sehr groß, zwischenzeitlich hatten wir wirklich extreme Seitenwinde, sodass ich mich kaum getraut habe, auch nur eine Hand vom Lenker zu nehmen.

Hoffen wir, dass alle verletzungsfrei an die Startlinie kommen. Bekommt man bei den vielen Profi-Triathleten vor Ort auch schon ein Gefühl der eigenen Form?

Gerade beim Schwimmen auf jeden Fall, am Sonntag gab es ein offenes Testschwimmen auf der Wettkampfstrecke, bei dem auch viele meiner Konkurrenten von Samstag am Start standen. Die Top-Gruppe mit den Ausnahmeschwimmern wie dem Tagesschnellsten Alistair Brownlee dürfte für mich etwas zu schnell sein, aber in der Hauptgruppe mit den zu erwartenden Athleten wie Patrick Lange, Sebastian Kienle, Andi Böcherer oder Franz Löschke sehe ich mich definitiv.

Wie sieht Ihr weiterer Rennplan aus?

Ich will vor allem mein Rennen machen, mich nach dem Schwimmen auf dem Rad in der Gruppe halten, fair fahren und Kräfte schonen. Auch wenn Windschattenfahren verboten ist, hilft eine Gruppe psychologisch. Wenn einzelne Athleten noch ein paar Watt mehr treten wollen, nehme ich mir vor, nicht nervös zu werden – man sieht sich immer zweimal auf einer Langdistanz. Beim Marathon weiß ich genau, welches Tempo ich laufen kann, das will ich möglichst konstant durchziehen. Alles andere ergibt sich im Rennen, gerade auf Hawaii kann so viel passieren.

Was ist Ihre Zielstellung für das Rennen?

Am Resultat festgemacht: Ein Platz unter den ersten 15 ist mein Ziel, ein Top-10-Finish mein Traum. Grundsätzlich konzentriere ich mich erstmal auf meine Leistung und mein Rennen, alles andere kann ich ohnehin nicht wirklich beeinflussen. Klar, manchmal muss man eine Attacke mitgehen und dagegenhalten, aber wenn man einmal zu weit übers Limit geht, rächt sich das am Ende.

Nach Ihrem vierten Platz in Frankfurt ist natürlich auch Ihr Standing in der Szene ein anderes, wie nehmen Sie das in Kona wahr?

Das hat definitiv etwas zugenommen, ich werde öfter erkannt oder zu Presseterminen eingeladen. Allerdings bin ich gerade für meine erste Teilnahme auch froh, noch dem großen Rummel aus dem Weg gehen zu können. Ehemalige Sieger wie Jan Frodeno sind erst deutlich später nach Kona gereist, um noch in Ruhe trainieren zu können – Jan hat auch gleich noch seinen Rollentrainer mitgebracht, um nicht alle zwei Kilometer für ein Selfie anhalten zu müssen.

Auch wenn Sie nicht so sehr im Medienfokus stehen, verspüren Sie dennoch Druck?

Definitiv! Das ist eine Weltmeisterschaft, da will man nicht versagen, da will man sein bestes Rennen abliefern. Das erwarte ich von mir selbst. Da ist der interne Druck wahrscheinlich größer als der externe. Ich freue mich auch sehr über den ganzen Zuspruch, den ich aus allen Ecken in Deutschland erhalte und der mich natürlich zusätzlich motiviert.

Worauf freuen Sie sich im und nach dem Rennen am meisten?

Es gibt nicht viel Größeres in einem Sportlerleben, als hier über die Ziellinie zu laufen. Ich freue mich auf die Emotionen, den Zieleinlauf auf dem Ali’i Drive und den Druck, der nach dem Rennen und nach der langen Saison abfällt. Richtig merken werde ich das wahrscheinlich erst am nächsten Morgen und hoffentlich brutal stolz sein, es nach Hawaii und im Profifeld in die Riege der besten Triathleten der Welt geschafft zu haben. Eigentlich würden wir mit unserer Hawaii-WG danach gerne durchfeiern, aber realistisch betrachtet können wir wahrscheinlich froh sein, wenn wir am nächsten Tag halbwegs normal gehen können (lacht).

Herr Drachler, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg am Samstag im Rennen.

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